Verloren geglaubte Fähigkeiten wiederentdecken

Seefeld Animation

Autorin: Gassler Michaela

Verloren geglaubte Fähigkeiten wiederentdecken

Dass durch biografische Anamnese oft verloren geglaubte Fähigkeiten von an Demenz erkrankten Menschen wiederentdeckt werden können, durften wir in der Seniorenresidenz Seefeld schon etliche Male erfahren.

Schachspielen So war z.B.: Marc (Name geändert), schon als Kind ein begeisterter Schachspieler und wurde mit zwölf Jahren Schweizer Jugendschachmeister. An einer Wernicke Enzephalopathie erkrankt, lebt er seit einigen Jahren im Pflegeheim und leidet unter einer chronischen Einschränkung der Merkfähigkeit und Antriebslosigkeit.
Wenn Marc jedoch zum Schachspielen motiviert werden kann, staunt man nicht schlecht, zu welch kognitiven Fähigkeiten er noch Zugang hat. Wie ein guter Klavier- oder Geigenspieler komplexe Musikstücke auch ohne Noten spielen kann, erkennt Marc scheinbar mühelos die Strategie des Gegners, plant seine Züge und kann dem Gegenspieler erklären, wo dessen Fehlzüge lagen. Erstaunlich ist auch, wie lange Marc beim Schachspiel auch zeitlich „dranbleiben“ kann. Für einen ungeübteren Spieler ist es praktisch aussichtslos, ein Schachspiel gegen Marc zu gewinnen.

Schachspielen Karl (Name geändert) wiederum ist gelernter Koch, auch er leidet am Wernicke Syndrom und lebt seit einigen Jahren bei uns. Immer noch ist Karl davon überzeugt, dass er nur seit wenigen Tagen bei uns ist und noch als Koch in einem Arbeitsverhältnis steht. Karl ist stark antriebslos, erlebt sich aber immer noch im „quasi im Dienst“.

Mit gut gemeinten Bitten ist Karl nicht zu einer Aktivität zu motivieren, er reagiert jedoch prompt auf die klare Aufforderung zur Arbeit. Die Frage: „Möchtest du die Tische aufdecken oder abwischen, oder den Kuchen aufschneiden, oder ein Stück zu Fuß gehen?“ wird konsequent von ihm verneint. Wenn die gleichen Aktivitäten jedoch mit dem auffordernden Satz: "Karl hast du Zeit? Ich brauche dich für ……!“ begonnen werden, ist er meist spontan bereit, Hand anzulegen, einfache Aufgaben durchzuführen und mit Begleitung unterwegs zu sein. Das entspricht seiner aktuell erfahrenen Identität als „aktiver Angestellter im Gastgewerbe“.

Schon als Kind lernte Karl das Schachspielen und spielte in einem Schachclub. Auch gegen ihn ist es nicht einfach, ein Schachspiel zu gewinnen. Ruhig und konzentriert beobachtet er die Züge seines Gegners und wählt seine Strategie.

Es ist faszinierend zu erleben, wie durch biografisch erhobene Informationen, Schätze – Fähigkeiten - aus der Vergangenheit eines Menschen, gehoben und in der Pflege genutzt werden können, um Gedächtnis, Aktivität und soziale Integration der Betroffenen zu fördern, den Selbstwert zu steigern und vorhandene Ressourcen zu erhalten. Schachspielen